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# Part III - Der Brief der Toten
# Bilingual Version - Chapter 19

metadata:
  chapter_number: "XIX"
  title:
    de: "Engel ohne Flügel"
    en: "Angels Without Wings"
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sections:
  - type: text
    content:
      de: |
        Und so lag ich dort, wo genau wusste ich nicht. Ich muss eine Ewigkeit in tiefer Betäubung verbracht haben, als ich langsam wieder anfing, einen grauen Schleier zu sehen, bekam ich langsam das Gefühl, mich wieder in meinem Körper zu befinden.

        Ich konnte mein dumpf schlagendes Herz spüren, wie das Blut in geschmeidigen Strudeln durch meine Kammern strömte und bis in meine Finger und Zehen hinunter floss, allerdings kam noch nicht viel in der oberen Anhöhe - meinem Kopf - an.

        >{4} Diesen brauchte ich jetzt aber. Denn je mehr ich meine Sicht zurückgewann, desto mehr wollte ich meine Augen wieder schließen.
      en: |
        And so I lay there. Where exactly, I did not know. I must have spent an eternity in deep anesthesia, for only slowly did I begin to see a gray veil again, and slowly came the sensation of returning to my body.

        I could feel my heart beating dully, blood swirling in smooth eddies through my chambers and flowing down into my fingers and toes, though little of it yet reached the upper heights: my head.

        >{4} And that was what I needed now. For the more my vision returned, the more I wanted to close my eyes again.

  - type: text
    content:
      de: |
        Ich hatte das volle Ausmaß dessen, was vor mir war, noch nicht im Ansatz begreifen können, geschweige denn tatsächlich sehen können. Ich fühlte mich weiterhin wie zwischen tiefem psychedelischen Rausch, vermutlich wegen den abklingenden Betäubungsmitteln, und vollkommener Schockstarre.

        >{5} Denn das Grauen meiner Welt hat eine Gestalt bekommen - sie saß im Käfig.

        Und so saß ich mit halbem Verstand und einem neuen Sinn in einem alten, abgeranzten Behandlungsstuhl. Schaute nach unten und sah viele kleine Blutflecken, in gefleckten Mustern, den grauen Boden verzieren.
      en: |
        I had not yet begun to grasp the full extent of what lay before me, let alone truly see it. I still felt suspended between a deep psychedelic haze, likely from the fading anesthetics, and complete shock paralysis.

        >{5} The horror of my world had taken shape. She sat in the cage.

        And so I sat, half-minded and newly sensed, in an old, battered treatment chair. I looked down and saw many small bloodstains decorating the gray floor in mottled patterns.

  - type: text
    content:
      de: |
        Es war kein gewöhnlicher Käfig, es war ein Schwarm von Fliegen, die in kontinuierlichen Bahnen summend die Streben des Käfigs bildeten. Ach - wäre es schön gewesen, ein Wunder der Natur.

        Doch die Gestalt im Käfig war eine abgemagerte, völlig zerfetzte Krähe. Sie hatte kaum Federn am Körper, man sah zu großen Teilen ihr Skelett und die Wunden sahen glasig aus. Als wäre das Fleisch vertrocknet, als das Blut aufhörte zu fließen, und der Heilungsprozess hatte nie begonnen.

        >{4} Die Flügel bestanden aus gerade einmal vier Federn, sie waren symmetrisch angeordnet und durch die großen Lücken zwischen ihnen schien es physikalisch unmöglich für die Krähe zu fliegen - doch sie tat es.
      en: |
        It was no ordinary cage. It was a swarm of flies, buzzing in continuous orbits, forming the bars. Ah, if only it had been a wonder of nature.

        But the figure inside the cage was an emaciated, utterly shredded crow. It had scarcely any feathers left on its body; one could see mostly its skeleton, and the wounds looked glassy. As though the flesh had dried up when the blood stopped flowing and healing had never begun.

        >{4} The wings consisted of only four feathers each, symmetrically arranged, and through the vast gaps between them it seemed physically impossible for the crow to fly. Yet it did.

  - type: text
    content:
      de: |
        Es machte den Eindruck, sie musste fliegen, ihr Essen - der Schwarm von Fliegen - schien volle Kontrolle über die Bewegungsfreiheit des halbtoten Vogels zu besitzen.

        So starrte ich durch einen großen Schlitz eines Käfigs, wo die Streben sich summend bewegten, und schaute der Krähe in ihr halbes Gesicht. Das eine Auge pechschwarz, auf der anderen Seite auch tiefes Schwarz, ein Auge war in diesem Loch aber nicht zu finden.

        In ihrem glänzenden grau-schwarzen Schnabel hielt sie eine kleine silberne Kette, an welcher eine goldene Grubenlampe hin und her baumelte.
      en: |
        It gave the impression that it had to fly; its food, the swarm of flies, appeared to hold complete control over the half-dead bird's freedom of movement.

        So I stared through a wide gap in the cage, where the bars moved with a humming buzz, and looked into the crow's half-face. One eye pitch-black; on the other side, a deep blackness too, but no eye was visible in that hollow.

        In its glistening gray-black beak it held a small silver chain from which a golden miner's lamp dangled back and forth.

  - type: symbol
    symbol_id: "story-kraehe"
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    width: 140
    height: 130
    animation: "breathe"

  - type: text
    content:
      de: |
        Die Krähe - scheinbar gefangen, oder zumindest unter Kontrolle des Käfigs - schwebte mit den hohlen Flügeln schlagend, halb stürzend in der Mitte der schwarzen Streben. Der Käfig folgte ihr und führte sie zugleich, wie Wasser dem Flussbett folgt und es in neue Täler führt.

        Und so begann ich aus der Intuition meines verwirrten Zustandes heraus mit ihr zu sprechen:
      en: |
        The crow, seemingly imprisoned, or at least under the cage's control, hovered in the center of the black bars, beating its hollow wings, half-crashing. The cage followed her and guided her at once, the way water follows a riverbed and carves new valleys into it.

        And so, from the intuition of my confused state, I began to speak to her:

  - type: dialogue
    sequence:
      - speaker_name:
          de: "Ich"
          en: "I"
        speaker_id: "protagonist"
        speaker_style: "grau"
        text:
          de: "Du bist eingesperrt oder wirst du geschützt? Du scheinst zu stürzen ins Nichts, aber schwebst hier vor mir!"
          en: "Are you imprisoned, or are you being protected? You seem to be crashing into nothingness, yet you hover here before me!"

  - type: text
    content:
      de: |
        Ich wartete auf eine Antwort, aber nichts kam. Nur das Summen der Fliegen in meinen Ohren, während mein Blick der kleinen Grubenlampe folgte und auf mich wie Hypnose wirkte.

        Und beim nächsten Schwung nach links, schaute ich etwas weiter auf, und sah, wie die Fliegen eine Art Schwarz-Weiß-Bewegfilm geschaffen hatten. Sie bewegten sich geschickt unter dem von oben einfallenden Licht und stellten eine einfache Straße dar, wo neben dem Gehsteig links und rechts eine fünfstöckige Fassade in den Nachthimmel stieg.
      en: |
        I waited for an answer, but none came. Only the buzzing of the flies in my ears, while my gaze followed the small miner's lamp and it worked upon me like hypnosis.

        And on its next swing to the left, I looked a little higher, and saw how the flies had created a kind of black-and-white moving film. They moved skillfully beneath the light falling from above, forming a simple street where five-story facades rose into the night sky on both sides of the sidewalk.

  - type: text
    content:
      de: |
        In der Ferne ein junges Paar, das Mädchen deutlich kleiner als der Junge, bewegten sich, wegen scheinbar intensiver Kommunikation, stockend den linken Gehsteig hinunter. Sie bewegten sich immer weiter auf mich zu.

        Und links von mir war ein einfacher Hauseingang entstanden, aus abertausenden an Fliegen. Selbst die neun Klingelschilder an der rechten Wand wurden mit Namen dargestellt. Es müssen Abermillionen gewesen sein.

        Alles was ich sah, die andere Straßenseite, die geparkten Autos, das dunkelgelbe Laternenlicht, das sich die hundert Meter die Straße hinab so schön auf dem leicht feuchten Asphalt spiegelte - der ganze Raum muss zur Szene verwandelt worden sein außerhalb meiner Aufmerksamkeit. Jetzt war ich mittendrin in dieser „Fliegenbildproduktion".
      en: |
        In the distance, a young couple, the girl clearly smaller than the boy, moved haltingly down the left sidewalk, apparently locked in intense conversation. They came steadily closer to me.

        And to my left, a plain house entrance had formed out of countless thousands of flies. Even the nine nameplates on the right wall were rendered with names. There must have been millions upon millions.

        Everything I saw, the opposite side of the street, the parked cars, the dark-yellow streetlamp light that reflected so beautifully along the hundred meters of slightly damp asphalt, the entire space must have been transformed into this scene outside my attention. Now I stood in the middle of this "fly-film production."

  - type: text
    content:
      de: |
        Und während meine Aufmerksamkeit sich noch vom sanften Glanz des weich gelb tanzenden Lichtes lenken ließ, bogen die Beiden in den Hauseingang ein. Sie drückte ihm aufgebracht eine runde Form in die Hand - vielleicht ein Kuchen - und zeigte aufgebracht mit ihren Händen die Straße hinunter, wo die Beiden hergekommen waren.

        Er zuckte nur mit den Schultern und drehte sich Richtung Eingangstür und stellte die Kuchenform direkt unter den neun Klingeln ab. Als er wieder aufsah, saß sie mit Händen im Gesicht auf der Stufe und das sich bewegende Bilderspiel der Fliegen fror ein.
      en: |
        And while my attention was still drawn by the gentle glow of the softly dancing yellow light, the couple turned into the entrance. She pressed a round shape into his hand in agitation, perhaps a cake, and pointed down the street from which they had come.

        He only shrugged, turned toward the door, and set the cake tin directly beneath the nine bells. When he looked up again, she sat with her face buried in her hands on the steps, and the moving image-play of the flies froze.

  - type: text
    content:
      de: |
        Ich schaute mich um, die Straße war leer, keine Bewegung, nur das kontinuierliche Summen durchdrang mein Sein. Ich schaute wieder in den Hauseingang, das Mädchen niedergeschlagen auf den Treppen, die Hand des Jungen nur wenige Zentimeter entfernt von Vergebung an der Schwelle zum Altar - ihren Schultern - erstarrt.

        Und als diese Worte meinen Gedankenfluss hinuntergerissen wurden, zog es meinen Blick wieder nach oben auf die Klingeln, zuerst auf die Tafel über den Knöpfen, wo stand:
      en: |
        I looked around: the street was empty, no movement, only the continuous buzzing pierced my being. I looked back into the entrance: the girl slumped on the stairs, the boy's hand only centimeters from forgiveness at the threshold of the altar, her shoulders, frozen.

        And as these words tore through my stream of thought, my gaze was drawn upward again to the bells, first to the plaque above the buttons that read:

  - type: prose
    quadrant: "tiefe"
    content:
      de: |
        Höllenstraße -
        Hier sind keine Berge in Sicht
        und der Main trägt dich davon.
      en: |
        Höllenstraße -
        No mountains in sight here
        and the Main will carry you away.

  - type: text
    content:
      de: |
        Ich war mir nicht mehr sicher, was sie im gelben Meer zu mir gesagt hatte, ob vier Blocks oder vier Etagen. Ich hatte das Gefühl, dass ich mich auf der anderen Seite der Welt befand.

        Ich schaute auf die Namen neben den Knöpfen und sah, dass in der vierten Etage niemand wohnte. Zumindest waren keine Namen in den kleinen dafür vorgesehenen Kästchen.

        Ich blickte Richtung Eingangstür und sah auf der rechten Seite fünf Reihen mit je zwei Schlitzen für die Briefkästen. Auch hier war die vierte Reihe unbeschriftet und aus dem linken Schlitz schaute eine kleine weiße Ecke eines Briefes hervor, welche ich intuitiv ergriff.

        Mit einer Handbewegung war das etwas dickere Papier des Briefes aufgefaltet und meine zwei runden Tore zogen die Zeilen in vergessliche Tiefe.
      en: |
        I was no longer sure what she had said to me in the yellow sea, four blocks or four floors. I felt as though I were on the opposite side of the world.

        I looked at the names beside the buttons and saw that no one lived on the fourth floor. At least no names were written in the small designated slots.

        I glanced toward the entrance door and saw on the right side five rows of two mailbox slots each. Here too the fourth row was unlabeled, and from the left slot protruded the small white corner of a letter, which I instinctively grasped.

        With one motion the slightly thicker paper of the letter unfolded, and my two round gates drew the lines into forgetful depth.

  - type: prose
    quadrant: "leere"
    content:
      de: |
        Wir sind die, an die keiner mehr glaubt,
        deswegen sind wir dir auf ewig dankbar.

        Wir sind für das Leben gestorben,
        sind zu Staub zerfallen
        und tanzen jetzt in neuem Wind.

        Wir sind zwischen jeder Zeile,
        die Menschen schreiben, sagen,
        in die vorbeiziehenden Brisen singen.

        Du bist der König der Lüfte.
        Niemand kann dir da oben etwas tun -
        das glaubst du zumindest -
        und du willst vielleicht recht behalten -
        aber wünscht du dir nicht auch manchmal,
        der Wind selbst zu sein?

        Wir sitzen nicht im Himmel,
        wir standen im weißen Gewand auf den Gipfeln
        und sind mit dir in die Täler geflossen,
        wo wir im Schatten Flügel schenkten.

        Wir verwirklichen, was du uns vorstellst,
        so lernen sie eben durch die Qual des Lebens.
        Wenn sie nur wüssten, nur sehen könnten.

        Du wirst in deinem Leben nur Geschenke annehmen,
        die zu leben sind,
        denn so füllen sie deine geistliche Leere
        mit materiellem Müll.

        Wir haben sie so geliebt und verehrt,
        aber wir haben sie in der finsteren Gier nach mehr
        auf dem Meer verloren.

        Du hast mit dem Gang durch die Hölle
        den möglichen Himmel verteidigt
        und so öffnete sich der Spalt.

        Wir marschieren weiter, bis wir wieder fliegen.
      en: |
        We are those no one believes in anymore,
        and so we are eternally grateful to you.

        We died for life,
        crumbled to dust,
        and now dance in new wind.

        We live between every line
        people write, speak,
        sing into passing breezes.

        You are the king of the skies.
        No one can harm you up there -
        at least that is what you believe -
        and perhaps you want to be right -
        but do you not sometimes wish
        to be the wind itself?

        We do not sit in heaven;
        we stood in white robes on the peaks
        and flowed with you into the valleys,
        where in the shadows we gave wings.

        We realize what you imagine for us,
        that is how they learn through the pain of life.
        If only they knew, if only they could see.

        In your life you will accept only gifts
        that are meant to be lived,
        for that is how they fill your spiritual emptiness
        with material rubbish.

        We loved and revered them so,
        but we lost them in the dark greed for more
        upon the sea.

        By walking through hell
        you defended the possible heaven,
        and so the rift opened.

        We march on until we fly again.

  - type: text
    content:
      de: |
        Als ich meine Aufmerksamkeit vom ausgefalteten Brief löste, trieb ein Gedanke an mir vorbei:
      en: |
        As I released my attention from the unfolded letter, a thought drifted past me:

  - type: prose
    quadrant: "schoenheit"
    speaker_id: protagonist
    mode: emotional
    content:
      de: |
        Ihr lauft so viel tiefer durch mein Inneres,
        als meine Vorstellungskraft mir erlaubt zu sehen -
        und ich bin froh darüber.

        Ihr habt mir gesagt,
        manches wird schwerer als notwendig,
        dadurch werden wir später stärker als je zuvor sein.

        Endlich kann ich es sagen:
        Sie dreht sich und ich nicht mehr.
      en: |
        You run far deeper through my inner being
        than my imagination allows me to see -
        and I am glad of it.

        You told me
        that some things will be heavier than necessary,
        so that later we will be stronger than ever before.

        At last I can say it:
        She turns, and I no longer do.

  - type: text
    content:
      de: |
        Ich drückte die unmarkierten Klingeln zur Etage vier, schaute nochmal über meine rechte Schulter und sah dabei auf der anderen Straßenseite die Krähe auf einer Laterne landen. Sie spannte ihre vierfedrigen Flügel auf und ich hörte das Summen.

        Drückte die Türe auf und stand in einer vertrauten Gasse.

        >{4} Ich blickte erneut über meine Schulter, die Teekanne war direkt über mir.
      en: |
        I pressed the unmarked buttons for the fourth floor, glanced once more over my right shoulder, and as I did I saw the crow land on a streetlamp across the street. She spread her four-feathered wings, and I heard the buzzing.

        I pushed the door open and stood in a familiar alley.

        >{4} I looked over my shoulder again: the teapot hung directly above me.
